Mit 70 den Braungurt

Mit 70 den Braungurt

Dienstag, 24. August

VON: BILD U. TEXT: KLAUS HOLDEFEHR

Karl Wießmann ist der älteste Karateka im Groß-Umstädter Dojo

GROSS-UMSTADT. “Ab und zu rappelt’s”, gibt Karl Wießmann zu. Immerhin ist er siebzig, und da lässt trotz seines großen sportlichen Engagements die Flexibilität des Körpers nach. Dessen ungeachtet hat der Rentner aus dem Breuberger Stadtteil Rai-Breitenbach jetzt im Groß-Umstädter Karate-Dojo die Prüfung zum 1. Braungurt abgelegt.

Zu der Selbstverteidigungs-Sportart hat er erst relativ spät gefunden. “Knapp zehn Jahre trainiere ich jetzt”, erzählt er. Das Interesse sei zwar schon früher da gewesen, doch habe die Initialzündung gefehlt. Die kam in Gestalt eines Freundes, der schon seit 20 Jahren der asiatischen Kampfkunst frönt und den Freund mitnahm.

Der brachte immerhin eine gute Grundkondition mit. “Ich bin seit meinem 30. Lebensjahr sportlich aktiv”, stellt Wießmann nicht ohne einen gewissen Stolz klar und zählt auf: “Skifahren, Schützenverein seit 40 Jahren, und ich bin ein Spitzenwanderer. Ich war immer aktiv.”

Und das neben einem Berufsleben, das mit einer Ausbildung zum Maurer und einer Arbeitszeit von 57 Wochenstunden begann. Später hat er zum Fliesenleger umgesattelt. Beides sind Berufe, in denen Frühinvalidität nicht selten ist. Und auch Fliesenleger Wießmann hat’s eine Weile mit den Knieen gehabt. “Aber mit dem Sport ist das wieder verschwunden.”

Mit seiner Ehefrau hat sich der Multiaktivist arrangiert. “Die fährt gerne in Kur, ich trainiere dreimal wöchentlich in Groß-Umstadt, gehe einmal wöchentlich auf den Schießstand und habe in der vergangenen Saison 16 Wanderungen mit dem örtlichen Odenwaldklub gemacht. Jeder lässt jedem seine Freiheiten, nur der 32-jährige Enkel hat dem Großvater schon mal geraten, etwas kürzer zu treten.

“Aber warum sollte ich kürzer treten?”, fragt sich Wießmann demonstrativ. So lange es noch geht, will er in gleicher Weise weitermachen. Im Karate muss er sich sogar doppelt anstrengen, “denn meine Trainingspartner sind oft nur ein Drittel, höchstens halb so alt wie ich.”

Diesen konsequenten Einsatz hat auch der Prüfer Erich Landgraf, 3. DAN aus Niedernhausen gesehen und ihn als “vorbildlich” attestiert – Ausgleich für die altersbedingte Einschränkung der Beweglichkeit. Aber tut doppelte Anstrengung nicht auch doppelt weh? “Die Götter haben vor den Erfolg den Schweiß gesetzt”, sagt Wießmann schmunzelnd und untertreibt dann ein wenig: “Ich habe gar nicht damit gerechnet, so weit zu kommen.”

Sein Credo: Wichtig ist, dass man’s gerne macht. Dann wird’s auch nicht so schwer.”

Karl Wießmann mit seinem Trainer Christian Gradl beim Training im Groß-Umstädter Karate-Dojo. Jetzt hat der 70-Jährige die Prüfung zum ersten Braungurt abgelegt.