Länderkampf Deutschland - Japan 1. Juni 2002 und Lehrgang mit Sensei Hideo Ochi 1 + 2. Juni 2002 in Groß-Umstadt

Länderkampf Deutschland - Japan 1. Juni 2002 und Lehrgang mit Sensei Hideo Ochi 1 + 2. Juni 2002 in Groß-Umstadt

Sonntag, 2. Juni

Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 3. Juni 2002

Beim Länderkampf zwischen Deutschland und Japan sind die Rollen klar verteilt

Und der große Karatemeister lächelt milde

GROSS-UMSTADT. Wenn Deutschland gegen Japan im Fußball antreten müsste, dann wären die Rollen klar verteilt. Hier empfängt der Meister den Lehrling, vielleicht wären die Japaner auch stolz darauf, gegen eine Mannschaft spielen zu dürfen, die zu den großen auf der Welt zählt. Geht es aber um Karate, dann ist alles anders. Dann verneigen sich die Deutschen vor den Japanern, dann sind Sie die Lehrlinge und die Asiaten die Meister, denn schließlich hat dieser Sport dort seine Wurzeln. Bernd Hinschberger findet den Vergleich mit dem Fußball „sehr treffend", und deswegen wirkt nicht nur der Präsident des Deutschen JKA Karate-Bundes (DJKB) an diesem Samstag Abend etwas nervös, als die Auswahl seines Verbandes antreten darf zum Länderkampf gegen die japanische Studentenmannschaft, die gekommen war mit dem für Japaner üblichen Begleittross aus ernst blickenden Funktionären und fotografierenden Offiziellen.

Die Luft in der Heinrich-Klein-Halle in Groß-Umstadt ist leicht stickig, aus den Lautsprechern perlt passende asiatische Musik, und das recht stattliche Publikum erweist sich ausnahmslos als fachkundig. Zwanzig der besten studentischen Karateka aus japanischen Universitäten sind mal schnell für fünf Tage nach Europa gereist, um einerseits Wettkampfpraxis zu sammeln für die Studentenweltspiele (Universiade) im Herbst in Mexiko; andererseits gaben diese jungen Frauen und Männer Anschauungsunterricht für die deutschen Sportskameraden. Eine Punktewertung gab es zwar nicht bei diesem Länderkampf, das ist bei freundschaftlichen Vergleichen nicht üblich. Aber selbst Unerfahrenen ist nicht verborgen geblieben, dass die Deutschen in Groß-Umstadt eine Lehrstunde in Sachen Karate bekommenhaben. Gerade die Frauen wirkten gegen die geschmeidigen Kämpferinnen aus Fernost ziemlich hilflos, lediglich Brit Weingand aus Bühlertal bewies, dass auch Deutsche die Freikampftechnik Kumite beherrschen können, wo es die höchste Kunst ist, den Schlag perfekt auszuführen - aber den Gegner trotzdem nicht zu treffen. Letzteres gelingt nicht immer, auch in Groß-Umstadt gab es einige blutige Nasen. „Unsere Athleten waren psychologisch nicht in der Lage mitzuhalten", sagte Präsident Hinschmann.

Bei den deutschen Männern war es Armin Burger, der sich nicht demütig verneigte vor den scheinbar übermächtigen Japanern. In Frankfurt studiert der 30jährige Sportwissenschaften und Informatik, vor zwei Jahren war er für einen Monat in Japan und hat festgestellt, dass es dort gar nicht so weit her ist mit dem Karatezauber. „Bei uns denkt man immer, dass Karate in Japan Volkssport ist und von jedem beherrscht wird." Denkste. Ein Durchschnittsjapaner verbindet die Kampftechnik auch sofort mit den üblichen Vorurteilen von wilden Kerlen, die mit ihren Handkanten Dachziegel und Bretter zerschmettern. Und ein japanischer Athlet sei eigentlich auch nicht viel besser als ein deutscher, sagt Burger, „man kriegt sie schon". Den Vorteil der Japaner bei Geschmeidigkeit und Bewegungsgeschwindigkeit könne ein Deutscher einfach ausgleichendurch Kraft und Entschlossenheit. Und natürlich Selbstbewusstsein. Aber wir sind in Groß-Umstadt mit einer jungen, unerfahrenen Mannschaft angetreten, und die hat schon noch großen Respekt gehabt vor den Japanern", betont Burger.

Es muss wohl dieser Glauben an das Überlegene aus Fernost gewesen sein, verbunden mit großem Respekt vor denen, die später als Lehrmeister nach Deutschland kommen, wie der 62 Jahre alte HideoOchi, der hier vor zwölf Jahren den DJKBgegründet hat und im Karate eine lebende Legende ist. Ochi ist eine Art Chefideologe und unumstrittener Meister der Szene, ein gütiger, kleiner Mann, der immer lächelt und wie ein Musterbeispiel eines weisen Karategurus wirkt. Beim DJKB ist er offiziell der Chief Instructor, Bundestrainer darf er sich nicht nennen, weil es ja noch den Deutschen Karate-Verband (DKV) gibt und nur der dem Deutschen Sportbund angeschlossen ist. Der DKV (110 000 Mitglieder) repräsentiert sozusagen das amtliche deutsche Karate, unterstützt mit öffentlichen Fördergeldern, der DJKB möchte der Hort sein für die Traditionsbewussten und etwa 25 000 deutschen Anhänger der reinen Lehre des Karatevaters Shotokan von der Insel Okinawa. Sein Foto haben sie aufgehängt in der Groß-Umstädter Halle, ernst und sehr weise hat der alte Mann heruntergeblickt von der Wand, gerade so, als müsse man sich vor ihm verneigen. Und irgendwie haben es die deutschen Kämpfer an diesem Abend auch getan.

STEFEN GERTH

Artikel aus dem Darmstädter Echo vom 3. Juni 2002

Lehrreiche Niederlage für deutsche Kämpfer

Karate - Flinke Japaner demonstrieren beim Länderkampf in Groß-Umstadt die hohe Schule der Sportart

Eine Karate-Lehrstunde erteilte die japanische Studenten-Nationalmannschaft dem Kader des Deutschen JKA-Karate Bundes am Samstagabend im Rahmen eines Länderkampfes in Groß-Umstadt. Wenngleich bei solchen Wettkämpfen keine offizielle Wertung erfolgt, siegten die Gäste klar mit 6:1 sowohl bei Männern als auch den Frauen. Die wieselflinken Asiaten beeindruckten vor 700 Zuschauern durch ihre konsequenten Kämpfstile und ernteten dafür Beifall auf offener Szene.

In Japan zählt Karate neben Baseball, Judo und Kendo (japanische Form des Fechtens mit Bambusstäben) zu den populärsten Sportarten. Rund eine halbe Million Sportler sind in Betriebssportgruppen, Schulen und Universitäten organisiert.

Der Cheftrainer der japanischen Delegation, Katsuhiro Tsuyama, zugleich auch Vorsitzender der technischen Kommission des Weltverbandes, hielt am Samstagnachmittag im Rahmen eines Trainingscamps eine Übungsstunde. Der Träger des 8. Dan (zehn dieser Meistergrade gibt es) ist zu- dem auch Nestor an der Universität von Kyoto. Erika Krieger-Meyer (Vizeweltmeisterin) vom Karate-Centrum Darmstadt nach der Trainingsstunde: "Mir fiel das Laufen schwer und ich habe alle und Kraft für den nächsten Angriff zu tanken. Hier jedoch herrschte Gleichstand, denn den Aufschrei beherrschten auch die deutschen Kaderathleten meisterlich.

Viel Applaus gab es für die Kata-Demonstration (Kampf gegen einen imaginären Gegner) von Nao Mowako und Hayato Shingu. Erika Krieger-Meyer: "Das ist die hohe Schule der Kata." Karate in Deutschland ist eine Randsportart. Ein Großteil (300) der Neugierigen in Groß-Umstadt hatte an dem Lehrgang über zwei Tagen unter der Leitung von Bundestrainer Shihan Ochi teilgenommen. Ein Fachpublikum. Dies war auch während der Kämpfe spürbar. Jeder gelungene Konter gegen die sehr offensiv kämpfenden Japaner wurde mit Beifall belohnt. Erika Krieger-Meyer: "Der wesentliche Unterschied bei den Japanern ist. Sie sind einfach abgebrühter, gehen mit der Einstellung in einen Kampf hinein: ,Den gewinne ich'" Im Gegensatz zu den deutschen Kämpfern setzten die Japaner nach einer Aktion sofort nach und sammelten so beharrlich wichtige Punkte.

"Man kann sie schon bezwingen", bemerkte Kaderathlet Pascal Senn aus Baden-Baden als aufmerksamer Beobachter. Sein Rezept wollte er aber nicht verraten, gestand aber: "Die sind verdammt schnell." Wie für die meisten seiner Kollegen setzte es auch für Senn zwei Niederlagen. Aber obwohl es bei den Kämpfen tüchtig zur Sache ging, gab es wenig Blessuren.

Trotz des hohen Sieges der Kämpfer aus dem Mutterland des Karate, die sich auf die Studentenweltmeisterschaft im Herbst in Mexiko vorbereiten, war Bundestrainer Shihan Ochi mit der Leistung seiner jungen Mannschaft zufrieden. "Die Sportler müssen Erfahrung sammeln, brauchen Zeit, um zu reifen." Der Japaner, der seit 32 Jahren in Deutschland Karate lehrt (8. Dan), hob hervor, dass in seine Schützlinge noch fünf Jahre Aufbauarbeit investiert werden müssten. Die Niederlage empfand er als "lehrreich".

VON HERBERT MENDEL