Karate im Lande der Kiwis – Die Fortsetzung

Karate im Lande der Kiwis – Die Fortsetzung

Mittwoch, 27. April

VON: BILD UND TEXT: ALIDA SCHMIDT-SPEICHER, KARATE-DOJO GROSS-UMSTADT

Nach vier Jahren träumen, organisieren und sparen war es im Februar 2011 endlich wieder soweit. Ich kletterte ins Flugzeug und landete gut 40 Stunden später in Neuseeland. Acht Wochen Semesterferien im „Land der langen weißen Wolke“ lagen vor mir.

Die ersten vier Wochen verbrachte ich bei meinen Karatefreunden vom Karate Dojo Pukekohe (siehe „Karate im Lande der Kiwis“, JKA-Karate Heft 3/2007). Dort absolvierte ich ein Praktikum in einem Projektmanagementunternehmen. Auch wenn das Praktikum an sich ausgesprochen interessant war, freute ich mich jeden Tag auf den Moment abends, wenn es im Dojo „Line up!“ hieß und ein weiteres fröhliches Training begann. Sensei Ray Irving (7.Dan), der Leiter des Dojos, ist mittlerweile international bekannt und wurde 2010 in die Australasian Martial Arts Hall of Fame als „Martial Artist of the Year“ aufgenommen.

Zusätzlich zu den Tochterdojos in Waiuku und Hokitika, die es auch schon bei meinem letzten Besuch dort gab, sind mittlerweile noch zwei weitere Dojos in Drury und Maraetai entstanden, wo ich der Trainerin einmal in der Woche half. Es war schön, zu sehen, wie motiviert und fröhlich dort die Aufbaustimmung ist und wie groß die Nachfrage nach Karatetraining ist.

Das traditionelle Shotokan-Karate liegt im Mittelpunkt der Dojoarbeit, aber „Sensei“ – wie er nach wie vor im Dojo und im Alltag genannt wird – ist offen für neue Entwicklungen und Impulse. So hielt er, während ich dort war, Lehrgänge in Selbstverteidigung, Sai und Bo ab. Dabei führte er vor allem bei den Waffen die Teilnehmer geschickt an die ungewohnte Materie heran und verdeutlichte ständig, dass die Bewegungen dem traditionellen Karate nicht fremd sind. Die Waffen werden lediglich als Armverlängerung betrachtet. Zur Eingewöhnung wurde ausführlich eine Bo-Kata unterrichtet, sodass vor der ersten Partnerübung die Teilnehmer bereits ein Gefühl für den doch noch fremden „Besenstiel“ – wie der Bo manchmal scherzhaft genannt wurde – entwickeln konnten. Die Partnerübungen wurden langsam aufgebaut, aber natürlich gab es doch den ein oder anderen Schlag auf die Finger. Die Betreffenden wussten danach zumindest genau, wie man den Bo besser nicht halten sollte.

Bei den Sai wurde nach einer Einführung erst einmal Heian Nidan mit Sai gelehrt. So hatte man die Möglichkeit, mit einer sehr vertrauten Kata den Umgang mit den doch etwas gefährlicheren Sai vorsichtig zu probieren. Dass das notwendig ist, zeigt sich unter anderem an einer Situation, als die Gruppe gerade mit dem Rücken zu „Sensei“ stand und er die Kata zählte. Wir hörten „Ichi – Ni – San – Jesus (was in der englischen Aussprache dem Shi sehr ähnlich klingt)“. Ein Teilnehmer hatte einen Sai knapp neben „Senseis“ Fuß fallen gelassen, was ihn zu dem spontanen Ausruf veranlasste und uns alle zum Lachen brachte. Später wurde die erste Sai-Kata unterrichtet, die kompliziert, aber in den Bewegungen sehr angenehm ist.

Das Team des Dojos bereitet sich wieder auf einen internationalen Wettkampf vor, sodass die Squadtrainings zu den absoluten Highlights gehörten. Zweimal die Woche fanden diese zur Abwechslung draußen auf einer Wiese im Stadtpark statt, was insbesondere sonntags diverse Zuschauer anlockte. Freitags gab es ein äußerst intensives Training im Dojo. Der Schwerpunkt dabei lag auf dem Freikampf, der jedoch lange mit festgelegten Partnerübungen trainiert wurde. Die hier praktizierte Methode, dabei wenig Verschiedenes mit vielen Wiederholungen zu üben, half mir dabei, mehr Selbstvertrauen im Freikampf zu gewinnen, auch wenn die Mitglieder des Teams natürlich deutlich routinierter waren. Auch wenn das Training konzentriert und hart war, wurde viel gelacht, sodass eine fröhliche und motivierte Atmosphäre herrschte. Natürlich schlossen sich vor allem an die Freitagstrainings gemeinsame Kneipenbesuche an, die auf ihre Weise auch viel für den „Teamspirit“ taten.

An den Wochenenden wurde ich von alten Freunden aus dem Dojo eingeladen. An dem Wochenende, an dem ich bei „Sensei“ war, hatte ich die Gelegenheit, bei einem Selbstverteidigungs- und Bolehrgang für Kinder auszuhelfen. Die Nachwuchsarbeit hat in Neuseeland einen hohen Stellenwert, was sich gerade bei diesem Lehrgang an den vielen freiwilligen Helfern zeigte. Nach dem Lehrgang machten wir zu dritt einen Ausflug zu einem Strand, der recht weit entfernt war, und fanden dort eine kranke Ente. „Sensei“ trug es danach mit Humor, dass wir anstelle des geplanten Picknicks nun eine weitere Stunde Auto fuhren, um diese Ente zu einem Tierarzt zu bringen, der sie – wie wir ein paar Tage später erfuhren – auch wieder aufpäppelte und freilassen konnte. Im Dojo sorgten die Erzählungen von diesem etwas chaotischen, aber doch sehr lustigen Ausflug für Erheiterung und viel Spott. Freundlich verspottet wurde ich auch, als ich nach einem Wochenende, an dem mich Freunde zum Surfen mitnahmen, mit einem leuchtenden Sonnenbrand im Training erschien. Sollte je das Licht ausfallen, so hieß es, würde ich ja ausreichend leuchten.

Überschattet wurde mein Aufenthalt in Neuseeland von dem starken Erdbeben, das am 22. Februar 2011 die größte Stadt der Südinsel, Christchurch, schwer erschütterte. Nach dem Erdbeben im September des Vorjahres, das auf wundersame Weise keine Todesopfer gefordert hatte, traf dieses Erdbeben die Bewohner der immer noch von Nachbeben heimgesuchten Stadt besonders hart. Natürlich war ich, wie jeder andere dort auch, entsetzt und um Freunde besorgt. Überrascht war ich jedoch davon, wie schnell und organisiert staatliche und private Hilfsaktionen einsetzten und wie schnell in einigen Teilen Christchurchs trotz der Katastrophe wieder eine Art Alltag stattfand.

Nach vier Wochen verließ ich Pukekohe und startete gemeinsam mit meinem nachgekommenen Freund eine Reise durch Neuseeland. Wir genossen die verschiedensten Wanderungen und besuchten natürlich auch meine Freunde vom Karate-Dojo Hokitika. Dort zeigte sich wieder einmal die enorme Gastfreundschaft der Kiwis, weil es trotz Umzugschaos bei verschiedenen Karatekas nicht in Frage kam, in einem Backpackers zu schlafen, sondern selbstverständlich irgendwo ein Platz für uns geschaffen wurde.

Leider gehen auch die längsten Semesterferien einmal zu Ende, sodass wir im April noch einmal das Dojo in Pukekohe besuchten und – versehen mit verschiedensten Abschiedsgeschenken – uns auf den Heimflug nach Deutschland begaben. Es war eine besondere Zeit - angefüllt mit vielen Erlebnissen und intensivem Training. Ich freue mich darüber, dass auch am anderen Ende der Welt, Menschen Freude am Karate haben.

Alida Schmidt-Speicher

Karate Dojo Groß-Umstadt