Im Land der aufgehenden Sonne

Im Land der aufgehenden Sonne

Montag, 25. Oktober

VON: BERICHT: DOROTHEE DORSCHEL, ODENWÄLDER BOTE; BILDER: BEBBO HURTER

Christian Gradl von Karate-Meister nach Japan eingeladen

Unvergessliche Tage hat der Cheftrainer des Umstädter Karate-Dojos in Japan, dem Mutterland von Karate, verbracht. Auf persönliche Einladung von Hideo Ochi, in Umstadt wohl bekanntem Karatelehrer, war Christian Gradl gemeinsam mit 16 ausgesuchten Leuten aus ganz Deutschland in das Land der aufgehenden Sonne gereist. Als einzigen Teilnehmer aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet hat ihn Ochi in seiner Heimatstadt Saijo empfangen.

Dafür war jedoch zunächst eine lange und anstrengende Reise nötig gewesen, wie aus den Aufzeichnungen des Umstädters hervorgeht. Seine persönlichen Reiseerlebnisse hat Christian Gradl festgehalten, Erinnerungen an eine wohl stets im Gedächtnis haftende Zeit. Nicht zuletzt bedeute diese Einladungsreise eine große Auszeichnung für ihn, sagt Gradl. Er fühle sich sehr geehrt, dass der Sensei - was soviel wie Meister oder Lehrer bedeutet - auch ihn bedacht habe. Immerhin gehört Shihan Hideo Ochi, zu den weltweit renommiertesten Karatelehrern, ist seit 1970 in Deutschland tätig und für seine Schülerinnen und Schüler „Seele und Motor“ des JKA-Karate.

Im nicht gerade großen japanischen Wohnzimmer empfing diese Koryphäe die 16köpfige Gruppe aus Deutschland. Zum 70. Geburtstag hatte sich der Japaner diesen Besuch der Deutschen Karatekollegen gewünscht, um den Europäern auf ganz persönliche Art nicht nur seine Geburtsstadt, sondern auch Leben und Alltag in Nippon nahe zu bringen. Gradl: „Wir waren an Stellen, wo ein normal Sterblicher überhaupt nicht hinkommt.“

Seit fast 40 Jahren hält Christian Gradl dem Japaner die Treue und wurde wohl auch deshalb eingeladen. In Groß-Umstadt ist Hideo Ochi fast so etwas wie ein alter Bekannter. Regelmäßig kommt er seit 20 Jahren hierher, wo er stets interessante und lehrreiche Trainingseinheiten anbietet, Wochenendlehrgänge als Treffpunkte für Karateka aus ganz Deutschland. „Seine freundliche, fast kameradschaftliche Art im Umgang mit den Sportlern hat ihn beliebt gemacht“, heißt es über den 1940 geborenen japanischen Karatelehrer. „Der unermüdliche Einsatz für das deutsche Karate hat ihm international größte Achtung und Respekt verschafft.“

Mit einem Zwischenstopp in Dubai war Gradl mit der Gruppe nach 36 Stunden körperlich strapaziöser Reise endlich in Osaka angekommen, von wo die Fahrt weiter ging nach Saijo, der Heimatstadt von Ochi Sensei. „Japan ist sehr unterschiedlich“ war bereits bei ersten Blicken aus dem Zugfenster während der Fahrt am Meer entlang zu erkennen. Dabei traf die deutsche Gruppe auch Karatekas aus Tschechien.

Während des Aufenthaltes sei man nicht nur überall sehr herzlich aufgenommen worden, berichtet Christian Gradl, sondern besichtigte auch vielerlei Sehenswürdigkeiten, etliche großartige Tempel und Anlagen. Zahlreiche farbenprächtige Umzüge gab es zu bestaunen wie beim großen Reisfest, das auch ein Anlass für die Einladung gewesen war, mit Shinto-Priestern, die eine zeremonielle Segnung vollzogen oder jenen mit historischen japanischen Soldaten und Samurais, Geishas, Kindern, historischen Truppen und Fürsten.

Erlebenswert seien auch die privaten Einladungen bei Familie Ochi gewesen. „Ich konnte kaum fassen, was hier auf den traditionellen Tischen aufgeladen war.“ Dazu habe jede der 16 Personen ein Gastgeschenk überreicht bekommen. „Und ich übergab mein Gastgeschenk in Form von Umstädter Wein.“ Die japanische Gastfreundschaft und Freundlichkeit könne man nicht in Worte fassen. „Meine anfängliche Zurückhaltung wurde durch die Herzlichkeit der Gastgeber überrannt. Trotz bestehender Sprachprobleme war ich kein Fremder“, erinnert sich der Umstädter gern.

In Hiroshima besuchte er das Memorial des Atombombenabwurfs. „Sehr, sehr bewegend“ sei es gewesen, die Geschichte anhand von Einzelschicksalen der Bevölkerung zu erleben. „Mir persönlich und auch vielen anderen der Gruppe ging dieser Besuch sehr nah.“ Bootsfahrten zu Tempeln wie jener mit dem berühmten Miayima Shinija folgten, das zu den drei bekanntesten Sehenswürdigkeiten Japans gehört. Ein Besuch in der ehemaligen Kaiserstadt Nora stand an, wo ein riesiger vergoldeter Buddha sitzt, 16 Meter hoch und 25 Tonnen schwer, Teil des Weltkulturerbes. Alle Tempelbesuche zeugten, so Gradl, von der religiösen Ehrfurcht der japanischen Bevölkerung. Ein nachhaltiges Erlebnis sei die Darbietung eines Tempeltänzers in prächtiger traditioneller Kleidung und mit der Maske eines Gottes gewesen.

Zahlreiche weitere berühmte Sehenswürdigkeiten wie die Kintai-Brücke folgten, die in mehreren hohen Bögen versehen mit Treppen über den Fluss führt. Über dem Fluss sind verschiedene Parks und Gärten angelegt mit japanischen Häusern im historischen Stil. In einem Schloss gab es Samurairüstungen und sehr alte Katanas (Schwerter) und Tantos (Dolche) zu besichtigen. Im Kyoto Nishiki Markt erwarteten die Japan-Besucher1200 verschiedene Buden und Straßenläden. „Hier gab es alles, was man sich denken kann: vom Tintenfisch über japanischen Whiskey bis zu den Stylisten- Klamottenläden. Flohmarkt und Essensbuden, Tempel und Mönche sind in Japan offensichtlich keine Gegensätze, sondern ein Neben- und ein Miteinander.“

Dass Busfahren in Japan ein Erlebnis sein kann, merkte Christian Gradl schnell. „Es ist unglaublich, wie viele Menschen dicht gedrängt in einen Bus passen und die Fahrgäste ihre Taschen sogar nach oben nehmen, um noch dichter stehen zu können.“ Beeindruckend sei die Bauweise der Gebäude in den größeren Städten, wo die Straßen oftmals dreifach übereinander angeordnet seien, und scharf der Kontrast von viel Leuchtreklame, lauten elektronischen Ansagen und Geräuschen hier und der Idylle ländlicher Gebiete da: durchweg mit sehr kleinen niedrigen Häuschen im traditionellen Stil und kleinen Wasserkanälen bebaut.

Am Kinsei Airport in Osaka war Abschiednehmen angesagt, von der „immer lächelnden und hilfsbereiten Ochi’s Nichte und von Sensei Ochi und dessen Familie“, bei denen es sich nur noch zu bedanken galt für die große Gastfreundschaft Es könne wohl nichts Besseres geben, meint Gradl, als das sehr interessante Japan auf diesem Wege kennen zu lernen „nicht nur die Kultur, sondern auch die Höflichkeit, Freundlichkeit und die aufrichtige Art und Weise der Menschen“.

Zwar habe man sich unter den Kollegen schon lange gekannt, sagt der Dojoleiter, aber „hier ist man sich in angenehmer Umgebung wirklich näher gekommen“. Spätestens auf einem der nächsten Karate-Lehrgänge, ist sich der Umstädter Cheftrainer sicher, trifft man sich sowieso wieder. Bereits zum Greifen nahe ist das Wiedersehen mit Hideo Ochi: Der Sensei kommt im Juni nach Groß-Umstadt zum „Kata Special Course 2011“.