„Der eine hat’s im Knie, der andere in der Schulter“

„Der eine hat’s im Knie, der andere in der Schulter“

Freitag, 11. Mai

VON: BERICHT UND BILDER: DOROTHE DORSCHEL, ODENWÄLDER BOTE

Präventionstraining im Karate-Dojo: Gleichgewicht ist das A und O

Gesund und fit auch im Alter noch zu sein, ermöglicht ein neues Angebot im Karate-Dojo Groß-Umstadt, der Präventionssport, jeden Mittwoch von 20 bis 21.30 Uhr. Dazu haben sich Cheftrainer Christian Gradl und drei weitere Sportler im Bereich „Sport in der Prävention“ intensiv weiter gebildet, in dem es darum geht, krankmachende Risikofaktoren wie Bluthochdruck, einen zu hohen Cholesterinspiegel, Arterienverkalkung oder Diabetes unter anderem durch ein vorbeugendes Bewegungstraining gezielt abzubauen. Auch Stress kann ein hoher Risikofaktor sein, wie Gradl erklärt.

In der Gruppe Sport zu treiben, vorzubeugen und etwas dafür zu tun, wieder fit und gesund zu werden, fällt vielen leichter, wenn der Leistungsanspruch nicht so hoch ist. Gezielte Übungen dienen der Sturzprophylaxe. „Das Gleichgewicht ist das A und O, damit werden wir Tag für Tag konfrontiert“, bekommt die Gruppe daher des Öfteren von Christian Gradl zu hören. Sich mit altersbedingten Gleichgewichtsproblemen auseinanderzusetzen, „da sind anderthalb Stunden doch schon mal ein Ansatz“.

Die Trainingsgruppe ist auf ältere Menschen ausgelegt. Aktuell ist der älteste Teilnehmer 67 Jahre alt. Angenehm ist die Atmosphäre bereits beim Empfang in den Dojo-Räumlichkeiten und spätestens im Trainingsraum, der mit einem speziellen gelenkschonenden Mattenboden ausgelegt ist. Neun Frauen und sechs Männer werden heute von drei Betreuern auf Trab gehalten. Jan übernimmt den Aufwärmteil, versehen mit pädagogischen Elementen und Spielen. Nach dem lockeren Laufen kreuz und quer durch den Raum kommen Tennisbälle, schließlich bunte Plastik-Eier und Löffel zum Einsatz. Ist man zunächst etwas irritiert von diesem eigentlichen Kinderspiel, macht es dann aber sichtlichen Spaß, obwohl es gar nicht so einfach ist, wie es aussieht.

Anschließend gibt es einen Theorie-Teil, wo im Kreis sitzend ein wenig ausgeruht werden darf. Zunächst erfolgt ein Feedback der letzten Stunde, bei dem nicht nur Thomas zugibt, dringend etwas für sein Gleichgewicht tun zu müssen. Alle Teilnehmer, von denen keiner unter 35 Jahren alt ist, bekommen Papiere, die sie in einem Schnellhefter mit nach Hause nehmen und tunlichst auch anschauen sollten. „Beim letzten Mal“, wiederholt Gradl, „haben wir mit Therabändern und Balance-Pads gearbeitet und beim Cool Down die Progressive Muskelentspannung, Anspannung und Entspannung, geübt.“ Im sensomotorischen Training, erklärt er, seien Gefühl und Bewegung wichtig.

Während der Entspannungsphase am Ende jeder Trainingseinheit kommen die Teilnehmer zur Ruhe und können, wie heute am Boden liegend, bei bunten Lichteffekten auch mit geschlossenen Augen noch einmal tief durchatmen. Davor ging es ziemlich anstrengend zur Sache: Etliche Durchgänge verlangt Christian Gradl den Präventionssportlern ab, um mit den „Shakern“ in jeder Hand die Rückenmuskulatur zu trainieren, Schultern, Nacken und Arme, mal im Stehen auf einem Bein, mal auf dem Gymnastikball oder im Liegen. Stets soll jeder nur das machen, was und wie er kann, ohne jeglichen Druck. Der Ehrgeiz ist jedoch geweckt, auch das Gruppengefühl tut das seinige und dennoch bleibt Zeit für manchen Scherz.

„Ich find’s gut, dass auch immer mal eine Pause dazwischen ist. Erst mal der Einleitungsteil, dann kommt die Besprechung, da ruht man sich wieder bisschen aus, dann kommt der Hauptteil, so sind die einzelnen Blöcke nicht zu lang. Das geht also nicht so nonstop wie in einer Gymnastikgruppe“, findet die 61jährige Ursula aus Groß-Umstadt, die seit dem Tag der offenen Tür im vergangenen Jahr mit großem Eifer dabei ist. Mit Freundin Renate hatte sie beschlossen, sich das einfach mal anzuschauen und „weil der Jan immer so schön mit uns lacht, sind wir dabei geblieben“.

Bereits vorher waren die beiden in einer Gymnastikgruppe gewesen. „Aber hier kann man mitmachen, auch wenn man etwas beeinträchtigt ist. Der Trainer geht schon drauf ein, er weiß ja, der eine hat’s im Knie, der andere in der Schulter.“ Für Ursula ist das Tempo hier besser als in einer „normalen“ Gruppe: „ Auf einmal war mir meine alte Gymnastik, und das ist nur eine Dreiviertelstunde, zuviel und zu powermäßig.“

Auch Miriam, 48 Jahre, kommt aus Groß-Umstadt, ihr Sohn und der Ehemann trainieren Karate seit fünf, sechs Jahren. „Ich helfe hier immer auch bei Veranstaltungen und so.“ Man kennt sich. „Also, ich muss kommen“, hat sie mittlerweile festgestellt, „wenn ich mal eine Woche nicht da war, das fehlt mir schon.“ Wenn man hier zum Beispiel einmal nicht mehr könne, weiß Miriam, dürfe man auch einfach aufhören und werde dann nicht blöd angeguckt.

„Sehr schön“ fand es Regina, 48 Jahre, die zum ersten Mal dabei war. „Ich komme gern wieder.“ Ein bisschen anstrengend sei es schon gewesen, aber „es soll ja auch was bringen“. Freunde hatten sie und ihren Partner Kurt auf die Spur gebracht, gedrängt: „Wir machen das jetzt schon ein halbes Jahr, jetzt könnt ihr auch mal was tun.“ Und immer im Frühjahr, sagt Regina, da packe es einen sowieso. Der 59jährige Kurt hat es sich „schlimmer vorgestellt“, aber schließlich hat doch alles Spaß gemacht, auch wenn er eingeschränkt bewegungsfähig ist. Gerade das wird im Vorhinein abgefragt, alle möglichen „Wehwehchen“ in einen medizinischen Fragebogen eingetragen, der von den Trainern entsprechend ausgewertet wird.

Schon seit 20 Jahren kennt Dagmar Christian Gradl, mit dem sie früher einmal Karate gemacht hat. Nach einigen Jahren sportlichen Nichtstuns nutzt sie das Präventions-Angebot seit einem halben Jahr für einen Wiedereinstieg. Und dafür reist die 51jährige jeden Mittwoch sogar aus Dietzenbach an. Wie sie möchte keiner der durchschnittlich 20 Teilnehmer die wöchentliche Sportstunde mehr missen. Wird diese weiterhin so gut angenommen, ist für das nächste Jahr bereits der Aufbau einer zweiten Gruppe geplant.

Präventionstraining